Gedanken zum 3. Oktober

– – –

Zum 3. Oktober des Jahres 2021 soll eine weitere DDR-Galerie erinnern an die Zeiten des zweiten deutschen Staates, die am 3.10.1990 zu Ende ging. Es ist schwierig, aus einer Vielzahl an Möglichkeiten aussagekräftige Bilder zu einer kleinen Serie zusammenzustellen, aber möglicherweise ist es mir gelungen – seht selber, bitte schön, hier sind 31 weitere “demokratische” Bilder, also für jedes Jahr der Einheit eines:

<1> Zunächst ein Bild aus der Hauptstadt. Es war (im Osten) die Hauptstadt der DDR und wurde später wieder die Hauptstadt Deutschlands. Aber heute ist es schwer, sich die Mauer in Berlin noch vorzustellen -> Hier ist sie zu sehen vor dem Brandenburger Tor, das (nicht zugänglich) auf der Ostseite lag. Das Bild ist von Januar 1990, also bereits nach dem “Mauerfall”, aber nachwievor wurde kontrolliert und gestempelt, die Mauer hatte nur Löcher, war aber noch lange nicht verschwunden
<2> Durch eines dieser von Mauerspechten geschlagenen Löcher in der Mauer sehen wir einen überraschten Grenzsoldaten, der vor wenigen Tagen noch bei diesem Anblick zur Waffe gegriffen hätte! Obwohl er natürlich eher darauf achten sollte, daß keines seiner Schäfchen verloren geht und weniger auf Besucher aus dem Westen. Hier hatte er dafür zu sorgen, daß (noch) keine unkontrollierten Grenzübertritte geschehen
<3> An dieser Stelle (direkt neben dem Brandenburger Tor) war die Mauer bereits auf wenige Meter entfernt zum Durchlaß für den privisorischen Grenzübergang, daneben waren die Mauerspechte zugange – Aber die Konstruktion der Mauer ist noch deutlich erkennbar
<4> Dieses Bild in der Nähe von Berlin dokumentiert das Messen mit zweierlei Maß, das in der DDR vorherrschte: Wir sehen den bewachten und hochgesicherten Eingang zur Prominentensiedlung Wandlitz, dem Wohnsitz von Honnecker, Mielke und anderen Genossen. Derart abgeschirmt vom Volk konnte man es sich gutgehen lassen – Mit allen Westwaren, natürlich auch West-Fernsehen, mit Swimmingpool und allen schönen Dingen, die das Leben angenehm machen und keine “Belästigung” durch das übrige Volk zuließen
<5> Dazu gehört dieses Bild: Ein “Intershop”. Diese unscheinbaren Läden an verschiedenen versteckten Stellen im Stadtgebiet boten ALLES, was man auch im Westen kaufen konnte – einfach ALLES. Nur mit dem Haken, daß man dazu Westwährung benötigte oder Dollar. Wer über “konvertierbare Währung” verfügte, konnte dort diskret einkaufen und sich JEDE Westware bestellen, die irgendwie lieferbar war, es gab keine Einschränkung – Während Bürger, die über KEINE Westwährung verfügten, auf Westwaren radikal zu verzichten hatten
<6> Denn die Bürger der DDR waren ja eingesperrt und überwacht. Hier sehen wir in der Nähe von Gutenfürst einen Teil des letzten von mehreren Grenzzäunen, der Anfang 1990 noch weitgehend erhalten war im DDR-Zustand und der eindeutig den Schluß zuläßt, daß hier mit Strom “gearbeitet” und getötet wurde
<7> Der Bahnhof Gutenfürst, einer der Grenzbahnhöfe zur BRD, war ebenfalls noch weitgehend erhalten mit Wachbrücke
<8> Gerade erreicht ein Güterzug mit 132 691 und einer Schwester den Bahnhof, in dem hier noch umgespannt wird. Die hohen Masten sind Lichtanlagen für Nachts
<9> Bei der Hauptstrecke Eisenach- Bebra wollte man schnell sein, und so sehen wir bereits im Mai 1990 eine Streckenkundefahrt für Tf auf dem völlig neu errichteten Gleis nach Bebra, während das andere Gleis noch angegangen werden muß
<10> Im Nachschuß sehen wir das Ortsschild von Hörschel und den Feldweg-Übergang, der später eine gut ausgebaute Straße über die Strecke führte. Die Rennsteigstraße hat inzwischen längst eine Brücke, die die (natürlich) elektrifizierte Strecke überspannt. Und die Ferkeltaxe 050 ging später nach Usedom und noch später nach Rumänien, wo sie vielleicht sogar noch abgestellt vorhanden ist
<11> Und damit kommen wir zum Hauptort dieser Galerie, von dem die meisten Bilder vorliegen: Ellrich. Hier der Blick im Januar 1990, den man als Wessi äußerstenfalls haben konnte, wenn man den Mut hatte, sich ganz nah an die Grenze heranzuwagen
<12> Hier erreicht gerade ein Personenzug aus dem Westen den Grenzbahnhof und wir sehen den schwarz/rot/goldenen Grenzpfahl
<13> Im Nachschuß sehen wir, daß der Zug von Northeim nach Nordhausen verkehrt und das bereits auf DDR-Gebiet befindliche Einfahrsignal nach Ellrich. Warum das Signal auf falscher Seite steht, obwohl rechts ausreichend Platz wäre, bleibt unklar, immerhin steht die Schachbretttafel korrekt
<14> Einige Zeit später kam die Lok mit einer anderen Wagengarnitur als Schlußläufer wieder zurück, gezogen wurde der Zug von 216 123. Hier verläßt sie gerade das Gebiet der DDR. Offenbar war sie nicht bis nach Nordhausen durchgelaufen, sondern hatte in Ellrich umgespannt
<15> Nun sind wir etwas weiter (im Osten) und haben einen näheren Blick auf das Stellwerk und auf die unscheinbare Tür, durch die nun Dutzende von Einwohnern beider Seiten dieselben wechselten, ohne kontrolliert zu werden, was amtlich aber noch Vorschrift gewesen wäre
<16> Hier finden wir im Januar 1990 ein offenstehendes Grenztor neben dem Bahnhof Ellrich, das freilich nicht das einzige Hindernis für einen unerlaubten Grenzübertritt gewesen wäre, sondern nur eine letzte von vielen verschachtelten Hürden darstellte
<17> Hier sehen wir nochmal im Detail, daß am Grenzzaun mit Strom gearbeitet wurde, daß aber die Alarmknöpfe für die Grenzer auffällig “normal” waren und aus Massenware bestanden
<18> der Blick aus dem Westen in den Grenzbahnhof, Januar 90. Hinten steht 216 123 und die noch existente Wachbrücke, das Gleistor allerdings ist schon verschwunden. Rechts erkennen wir ein Hektometerzeichen
<19> Nämlich dieses hier, das erste auf DDR-Gebiet. Und wir sehen wieder offenbar stromführende Stacheldrähte
<20> Jetzt stehen wir nahe am Prellbock, der eine ungenehmigte Ausfahrt Richtung Westen hätte verhindern sollen und wir sehen Spaziergänger zwischen den Welten, die unbehelligt in großer Zahl anzutreffen waren
<21> Und nun machen wir einen großen Sprung zurück in die Vergangenheit: Karl-Hans Fischer hat für uns diese Situation eingefangen am 22. Mai 1976, als 050 578 gerade kraftvoll die DDR verläßt. Der Blick ist durchaus noch mit dem des Jahres 1990 vergleichbar, es hat sich nur wenig geändert seit damals
<22> Die 50 gibt es sogar noch in Großaufnahme. Und rechts in Bildmitte sehen wir zwei schräg stehende Grenzsteine oder Vermessungssteine -> Diese Steine sind auf mehreren der Bilder aus dem Jahre 1990 noch an gleicher Stelle auszumachen
<23> Auch diese Teleaufnahme ist von KH Fischer überliefert aus dem Jahre 1976 – vielen Dank dafür!
<24> Karl-Hans traute sich sogar noch näher an die Grenze heran – Das war bereits mit einem gewissen Risiko verbunden! Er müßte sich zu diesem Bild bereits auf DDR-Gebiet befunden haben, was 1976 sicherlich nicht ganz ungefährlich war
<25> Und es geht sogar NOCH ÄLTER: Helmut Philipp war bereits 1972 an Ort und Stelle !! Und es gibt einen gewaltigen Unterschied zu den späteren Bildern: Noch steht auf den Westschildern der Begriff “Zonengrenze”, der bereits 1976 nicht mehr angewendet wurde! Und auch Helmut muß sich für dieses Bild bereits auf DDR-Gebiet befunden haben – Respekt, Helmut! Und vielen Dank für die Überlassung der Bilder!
<26> Helmut hat auch einen Wessi-Güterzug bei der Einfahrt nach Ellrich erwischt – Vor sehr genau 50 Jahren !!
<27> Hier der Nachschuß. Wir sehen die Schachbretttafel deutlicher und erkennen noch keinen der Vermessungssteine, die auf den späteren Bildern immer wieder auftauchen
<28> Noch ein Telebild von Helmut, für das er sich sehr nah rangewagt hat
<29> Und auch 1972 war Helmut nochmal dort und hat sein Tele offenbar durch das Gleistor gehalten – unglaublich! Der Mann muß einen unfaßbaren Mut gehabt haben – jedenfalls damals . . . Würde er das heute nochmal wiederholen?
<30> Und zum Schluß noch zwei aus ganz anderen Gründen sehr bemerkenswerte Aufnahmen. Hier zum Beispiel eine DDR-Darstellung eines Sachverhalts, den man auf den ersten Blick als Verfremdung der tatsächlichen Begebenheiten werten würde, aber soweit möchte ich an dieser Stelle noch nicht gehen, solange ich den Wahrheitsgehalt nicht wirklich kenne! Bislang haben meine Recherchen zum Sachverhalt leider Nichts ergeben. Das Foto entstand im Jahre 1990 in der Gedenkstätte “Dora” bei Nordhausen, wo sich zu Kriegszeiten eine Nazi-Fabrik für Raketen unter dem Namen “Mittelbau Dora” befunden hatte, die bis heute nicht der Öffentlichkeit zugänglich ist, obwohl dort immer noch Interessantes an Rakententeilen lagert
<31> Und mit diesem frühen Sonnenaufgangsbild eines ebenso frühen ICE möchte ich die Galerieseite beenden. Der 401 befindet sich gerade im ehemaligen Niemandsland, im damals völlig unzugänglichen Todesstreifen zwischen Marienborn und Helmstedt in der Ortslage Harbke und wird (wie die Sonne) auf dem weiteren Weg nach Westen immer weiter den früheren Osten verlassen . . . Und damit eine Verbindung zur Neuzeit herstellen!

– – –

Dank für Euer Interesse!

Und besten Dank an die Bildzulieferer Karl-Hans Fischer und Helmut Philipp!